Dienstag, 4. Juni 2013

Wie schreibe ich eine gute wissenschaftliche Arbeit

Heute kam im Studienbetrieb bei den „Ersties“ die durchaus berechtigte und immer wieder gestellte Frage auf: Was ist eine eigentliche wissenschaftliche Arbeit (Studienarbeit, Hausarbeit, Bachelor’s Thesis oder Master’s Thesis). Wie es so meine Art ist, habe ich die Frage zurückgespielt ans Plenum und gefragt, was die Studenten denn meinen, was eine wissenschaftliche Arbeit auszeichne.

Die ersten Antworten (also das erste, was junge Studenten mit wissenschaftlichem Arbeiten assoziieren) gingen in die Richtung: „Wissenschaftliches Arbeiten ist, wenn man Quellen angibt und Fußnoten setzt“. Man mag verstehen, dass in Folge der Plagiatsaffären unserer Politiker-Elite möglicherweise der Eindruck in der Öffentlichkeit entsteht, dass wissenschaftliches Arbeiten vor allem eines ist: Nicht abschreiben. Und wenn doch, dann die richtige Quellen angeben. Doch das ist nicht der Kern wissenschaftlichen Arbeitens.

Ein weiteres Kriterium für wissenschaftliches Arbeiten, dass ganz besonders schnell genannt wird, lautet: „Man darf alles zitieren, aber nie die Wikipedia“. Sicher, die Wikipedia ist wie jedes Lexikon zunächst einmal ein Lexikon und kein eigener wissenschaftlicher Beitrag zu einem Diskurs. Weiterhin ändert sich die Wikipedia ständig. Aber da es eine einsehbare Versionshistorie gibt ist die Wikipedia genauso zitabel wie es der Duden ist. Nur: So selten wie man den Duden in einer wissenschaftlichen Arbeit heranzieht, so selten wird man wohl auch die Wikipedia nutzen. Doch: Auch das ist nicht der Kern wissenschaftlichen Arbeitens.

Das dritte Kriterium, das Erstsemestern schnell über die Lippen geht, lautet: Wissenschaftliches Arbeiten braucht eine umfangreiche Gliederung mit vielen einzelnen Gliederungspunkten. Wie gut, dass offensichtlich kaum einer heute noch Bücher liest, dann wäre er überrascht, wie wenig Gliederungspunkte wirklich wichtige wissenschaftliche Beiträge haben. Viele Gliederungspunkte haben zumeist Lehrbücher. Wissenschaftliche Arbeiten haben oft eine relativ simple Gliederung. Aber selbst wenn eine Arbeit ausführlichst und im Detail gegliedert ist, ist sie noch nicht wissenschaftlich.

Was ist wissenschaftliches Arbeiten? Das wissenschaftliche Arbeiten ist eine Methode, wie man sich mit einem Thema auseinandersetzt. Und die wissenschaftliche Arbeit ist ein in der Regel textbasiertes Produkt, das diese wissenschaftliche Bearbeitung eines Themas in überprüfbarer Weise darstellt. Man erstellt als Ergebnis seiner wissenschaftlichen Arbeit eine Studienarbeit oder Thesis. Die Studienarbeit, Hausarbeit oder Thesis selbst ist aber nicht „wissenschaftliche Methodik“, sondern sie ist die Dokumentation, dass man ein Thema mit wissenschaftlicher Methodik bearbeitet hat.

Der Kern wissenschaftlichen Arbeitens und damit auch einer wissenschaftlichen Ausarbeitung ist immer (!) ein Erkenntnisinteresse. Dieses Erkenntnisinteresse spiegelt sich im Thema (dem Titel) der wissenschaftlichen Arbeit wider: Was will man untersuchen? Welches Problem interessiert einen? Dieses Thema muss weder aktuell, noch groß, noch spektakulär, noch spannend sein. Es soll lediglich eine Frage stellen, die so im Detail noch nicht gestellt wurde, weshalb die Beantwortung dieser speziellen Frage neue Erkenntnis produziert.

Das heißt im Umkehrschluss: Eine wissenschaftliche Arbeit ist z.B. keine Nacherzählung und auch kein Schulaufsatz im ‚Sinne „Alles was mir zum Thema X über den Weg gelaufen ist, schön illustriert mit bunten Bildern“.

Hat man ein Erkenntnisinteresse und damit ein Thema, beginnt der zeitaufwändige Teil wissenschaftlichen Arbeitens: Man muss recherchieren und das ist ganz ähnlich wie bei seriösem Journalismus: Wissenschaftliches Arbeiten heißt gute Quellen finden, diese gut auswerten und die Auswertung gut anwenden. Entweder, indem man aus seinen Quellen sein Erkenntnisinteresse stillen kann, oder indem man aus den Quellen ableitet, wie man sein Erkenntnisinteresse anders – z.B. durch eine eigene Umfrage oder ein Experiment – überprüfen kann.

Wie beim Journalismus auch gilt beim wissenschaftlichen Arbeiten die Faustregel: die Recherche ist deutlich aufwändiger als das Schreiben des späteren Texts. Benötigt man keine eigene Empirie (Feldforschung) oder Experimente (Labor) kann man ungefähr davon ausgehen, dass die Recherche 70% des zeitlichen Aufwands ausmachen.

Die Recherche führt dazu, dass man in der Lage ist, sein Erkenntnisinteresse in Form eines einfachen Dreischritts „durchzuführen“: Man erstellt eine Hypothese (leitende Aussage), belegt diese mit relevanten Quellen (Relevanz heißt hier: dem aktuellen Forschungsstand entsprechend und eingepasst in das jeweilige akademische Fachgebiet) – heißt also: baut eine Argumentationskette auf – und kommt schließlich zu einem Ergebnis. Daraus leitet sich völlig natürlich die Gliederung ab: Was will ich wissen, auf welche Erkenntnisse beziehe ich mich bei meinem Lösungsansatz und was heißt das im Ergebnis.

Das ist der Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Die formale Ausgestaltung in einen Text (die wissenschaftliche Arbeit) ist dann nur noch Formsache. Und dabei gilt es die Form zu wahren, sprich: seine Argumentation nachvollziehbar zu gestalten und klar auszuweisen, was man selbst gedacht hat und was von anderen stammt. Dafür gibt es ein riesiges Arsenal an Ratgebern. Recht ordentlich und praktisch zu gleich: Der Leitfaden für wissenschaftliches Arbeiten von Martin Albert und Lukas Nock, den man sich im Internet kostenfrei herunterladen kann.

Abschließend ein äußerst praktischer Hinweis für Studienanfänger: Stellen Sie sich vor, Sie sollen ein Gedicht schreiben. Was würden Sie ganz intuitiv machen? Klar, Sie würden einige Gedichte lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Gedichte aussehen, sich anfühlen, sich anhören, auf Sie wirken.

Frage: Stellen Sie sich vor, Sie sollen erstmals eine wissenschaftliche Arbeit verfassen, was könnte sehr hilfreich sein? Klar, Sie sollten vielleicht vorher mal 2-3 wissenschaftliche Texte lesen.

Welche Texte das sind, ist fast egal. Damit Sie aber erst gar nicht lange suchen müssen, anbei fünf Einstiegstexte, mit denen Sie möglicherweise ein Gefühl bekommen, wie man die Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens in die Form einer wissenschaftlichen Arbeit überführt (wobei man am letzten Text sieht, dass man durchaus auch als Praktiker wissenschaftlich arbeiten kann und diese sogar schon vor rund hundert Jahren):

Mutinga, Daniel G. / Moorman, Marjolein / Smit, Edith G. (2011): Introducing COBRAs. Exploring motivations for brand-related social media use.

Sommeregger, Maximilian (2010): CSR 2.0 – Soziale Online-Spendenplattformen als neues Instrument für Corporate Giving. Eine Untersuchung am Beispiel ww.betterplace.org

Kreutzer, Ralf T. / Hinz, Jule (2010): Möglichkeiten und Grenzen von Social Media Marketing

Wortmann, Frank (2006): Die Bedeutung der internen Kommunikation für multikulturelle Unternehmen. Eine praxisgestützte Analyse am Beispiel der Mitarbeiterzeitung der EADS.

Lippman, Walter (1922): Public Opinion.

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