Sonntag, 1. September 2013

TV-Duell: Wie kann Steinbrück punkten?

Nach mehreren Wochen Medien-Abstinenz, freue ich mich heute abend auf einen Fernsehabend, der hoffentlich spannend wird. Der (bislang glücklose) Herausforderer Peer Steinbrück trifft (endlich) auf die (bislang erfolgreiche) Kanzlerin. Die aktuellen Umfragen sehen die Union bei über 40%, die FDP im Bundestag und die SPD bei gerade 25%.

Ohne jedweden Anspruch auf Detailanalyse zeigt das zumindest eines recht deutlich: Eine Wechselstimmung wie weiland im Duell Kohl gegen Schröder (1998) gibt es nicht.

Das ist natürlich denkbar schlecht, wenn man vorhat, eine Regierung abzulösen. Doppelt schlimm, wenn deren Chefin sehr klug agiert und sich zweier Strategien bedient: Auf inhaltlicher Ebene fährt sie die Strategie der Assimilation. In schöner biologischer Definition meint das die schrittweise Umwandlung körperfremder in körpereigene Stoffe. Sobald ein Thema den Anschein gesellschaftlicher Relevanz aufzeigt, übernimmt die Kanzlerin dieses nach und nach und macht es zu einem Unionsthema – wenngleich die Union in vielen Fragen traditionell eine andere Meinung hat. Egal. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Die zweite Strategie setzt im Hinblick auf die Personen auf soziale Distanz, indem sie auf ihren Herausforderer nicht eingeht und zwischen sich und ihm einen quasi unüberbrückbaren Graben zieht. Die Kanzlerin als weise Regierungschefin, der Herausforderer als Emporkömmling, der von der eigenen Partei nicht getragen wird und macht- und kraftlos agiert, also ohnehin chancenlos und damit nicht auf Augenhöhe ist.

Assimilation und soziale Distanz sind also das strategische Instrumentarium der Union, der es schlussendlich egal sein dürfte, mit welchem Juniorpartner sie in Zukunft regiert. Und dies vor dem Hintergrund, dass sich die Stimmung in Deutschland auf „Behalten des Bewährten“ einpendelt.

Was kann Steinbrück dagegen setzen? Wie kann er ein stabiles Umfeld durch eine disruptive Innovation aufbrechen? Wahrscheinlich gar nicht, muss man zunächst festhalten. Aber wenn er sich denn eine Chance eröffnen will, kann diese meines Erachtens nicht über sachliche Thematisierung oder einen fachlichen Diskurs geschehen, wie er es bislang versucht. Er muss vielmehr in einem Thema stark polarisieren. Das ist riskant, weil er so möglicherweise noch weniger Stimmen einfahren kann, als die Umfragen prognostizieren. Es ist aber die einzige Möglichkeit signifikant Zustimmung zu gewinnen.

Die öffentliche Meinung entscheidet über Einstellungen zu Themen nicht über Sachkenntnis in der Tiefe, sondern über Bewertung in der Breite. Es geht einem Stand heute in Deutschland sehr gut. Kaum Arbeitslosigkeit im Vergleich zum europäischen Umland. Genug Geld in der Tasche, um das Leben einigermaßen zu genießen. Ein Frontalangriff in Richtung „die CDU hat das Land heruntergewirtschaftet“ kann also nicht funktionieren.

Zukunftsthemen wie Bildung, ökologischer Umbau der Infrastruktur oder Mindestlohn werden in der öffentlichen Meinung nicht einer Partei zugeschrieben, sondern als genereller Trend wahrgenommen, den alle bis auf die Splitterparteien wie die FDP unterstützen.

Die einzige Möglichkeit, die vielen unentschlossenen Wähler für die SPD zu gewinnen, scheint mir daher darin zu liegen, in einem einfachen Thema überraschend eine völlig gegenläufige Meinung zu bisher vertretenen Positionen einzunehmen. Was könnte das sein? Z.B. die Forderung, aus der gemeinsamen Euro-Währung auszutreten. Oder die Forderung, direkt nach der Wahl ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger einzuführen. Oder die Forderung, den öffentlichen Personennahverkehr in Zukunft als kostenfreie Serviceleistung des Staates für seine Bürger anzubieten.

Alle drei Vorschläge sind reichlich unwahrscheinlich zu realisieren. Was ihnen aber gemein ist: Im Zuge der Nachberichterstattung zum TV-Duell würde die SPD mit einem solchen radikalen und überraschenden Thema erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Konzept propagieren, das sich konträr zur Konsenspolitik der Assimilationskanzlerin stellt. Die Chancen, dass das aufgeht, sind sicherlich nicht sehr hoch. Die Chance, dass die SPD ohne solch ein disruptives Thema den nächsten Kanzler stellt, ist aber noch geringer.

Das wäre der Ratschlag vom grünen Tisch der Marketingplanung. Jetzt bin ich mal gespannt, was tatsächlich heute abend verhandelt wird und ob Steinbrück auch ohne disruptives Thema Punkte für sich verbuchen kann. Denn letztlich wählen die Deutschen de facto nicht mehr Parteien, sondern Kandidaten, die damit als Marke die Werte der Parteien verkörpern, ob diese es wollen oder nicht.

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