Dienstag, 6. November 2018

Digitalisierung der Lehre

Digitalisierung der Lehre? Drei Handlungsebenen für die Digitalisierung von Hochschulen
Digitalisierung lässt sich generell auf drei Ebenen beschreiben:

  • als Übertragung (Konversion) analoger Inhalte in digitale Form
  • als Entwicklung (Innovation) neuer Angebote auf Basis dieser Infrastruktur
  • als Effekte (Transformation) der Nutzung dieser Angebote auf die Gesellschaft

Dieser Dreiklang gilt auch im tertiären Bildungsbereich und kann als Struktur dienen, um verschiedene Aspekte darzustellen, die in der Digitalisierung der Lehre bereits stattgefunden haben und die aufgrund von Erfahrungen aus anderen Branchen für die Zukunft zu erwarten sind.

Eingebettet ist die Digitalisierung im Bildungssektor in einen davon unabhängigen Paradigmenwechsel, der das Verständnis der Lehre selbst betrifft: from teaching to learning (1). „Eine solche Lehr- und Lernkultur kann sich nur in einem kombinierten Ansatz aus Akteurskooperation und Innovationsorientierung – top down und bottom up – entwickeln“, wie es der Stifterverband in der Charta guter Lehre formuliert(2).

In diesem Kontext lässt sich die Digitalisierung der Lehre so beschreiben:


1. Konversion (Umwandlung analoger in digitale Ressourcen)


Die Digitalisierung des Lehrmaterials und die Nutzung digitaler Formen in der Lehrer-Lerner-Beziehung sind weit fortgeschritten und zumindest an Fachhochschulen weitgehend Alltag:

  • Primäres Unterrichtsmaterial, in der Regel also selbst erstellte Slide Decks und Skripten, digital bereitstellen (im eigenen Hochschulinformationssystem oder z.B. öffentlich verfügbar auf Diensten wie Slideshare oder Researchgate)
  • Nützliches Begleitmaterial und weiterführende Inhalte digital ergänzen, z.B. mit Links auf bestehende Video Tutorials oder MOOCs, Fachartikel oder Interviews, best practices oder Fallstudien
  • Direkte Kommunikation mit Studierenden digital ermöglichen über E-Mail, geschlossene Facebook-Gruppen und Messenger-Dienste wie WhatsApp


2. Innovation (Entwicklung neuartiger Lehrangebote)


Im klassischen Sinne innovativ, nämlich als nutzenstiftendes Re-Arrangement bereits bestehender Ansätze, sind in den letzten Jahren neue Lehrkonzepte entwickelt worden. Sie werden unter dem Stichwort blended learning diskutiert, also als Mix aus analoger Präsenzlehre und digitalen E-Learning-Formaten(3). Ihr Einsatz resultiert dabei zentral aus dem Anspruch des constructive alignment (fein aufeinander abgestimmte Lernziele, Lernaktivitäten und Leistungskontrollen(4)).

  • Retrieval-based learning(5) gilt als effiziente Lernmethode. Durch dynamische Quizzes lassen sich z.B. Lernerfolge im Aufbau notwendigen Grundwissens steigern. Verwandte Stichworte hierzu sind Gamification und serious gaming
  • Im flipped classroom wird Wissensvermittlung individuell zu Hause erledigt, die „Hausaufgaben“ dagegen zusammen mit dem Lehrer an der Hochschule bearbeitet. Dies erfordert eine komplette Überarbeitung der Lehrinhalte, wie es etwa an reinen Fernhochschulen geschieht
  • Collaborative learning lässt sich dank Vernetzung kurs- und standortübergreifend realisieren 


3. Transformation (Effekte der Digitalisierung)

“Still, it’s a real good bet, the best is yet to come” (Frank Sinatra)
Mit guten Gründen kann man davon ausgehen, dass eine digitale Transformation der Hochschullehre bislang noch nicht stattgefunden hat, diese aber gleichwohl hoch wahrscheinlich ist. Meine Einschätzung – speziell im Fachgebiet Journalismus – geht dahin, das digitale Transformation synchron Praxisbezug und Forschungsintensität steigern wird und damit den Lernerfolg der Studierenden erhöht.

Die Idee, die erst auf Basis digitaler Infrastrukturen effektiv und effizient umsetzbar ist, ist die des journalistischen teaching hospital, wie sie etwa Eric Newton ausführt(6). Aus theoretischer Sicht habe ich dies über die Bestimmung journalistischer Qualität hergeleitet(7). Es geht um Verbindung praktischen Trainings (on the job), der Entwicklung von Methodenkompetenz (in the class) und forschendem Lernen (within a scientific community of practice).

Anmerkungen

(1) Vgl. Barr and Tagg (1995): 13
(2) Jorzik (2013): 12
(3) Vgl. Horn and Staker (2014)
(4) Vgl. Biggs (2011)
(5) Vgl. Karpicke (2012)
(6) Vgl. https://knightfoundation.org/speeches/teaching-hospital-goal-journalism-education
(7) Vgl. Becker und Krass (2016)

Quellen

Barr, Robert B., and John Tagg (1995): From teaching to learning – A new paradigm for undergraduate education,  in: Change: The magazine of higher learning, Vol.6, No. 2, pp. 12-26.
Becker, Thomas, und Björn Krass (2016): Kill Your Idols. Journalistenausbildung in der digitalen Transformation, in: Ulrich Wünsch (Hrsg.): Atmosphären des Populären II. Perspektiven, Projekte, Protokolle, Performances, Personen, Posen. Beiträge zur Erkundung medienästhetischer Phänomene, Berlin: Uni Edition, S. 229-289.
Biggs, John B., and Catherine Tang (2011): Teaching for quality learning at university: What the student does (4th ed.), Maidenhead, New York: Open University Press.
Horn, Michael B., and Heather Staker (2014): Blended: using disruptive innovation to improve schools, San Francisco: Jossey-Bass.
Jorzik, Bettina (2013): Charta guter Lehre. Grundsätze und Leitlinien für eine bessere Lehrkultur, Essen: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.
Karpicke, Jeffrey D. (2012): Retrieval-based learning: Active retrieval promotes meaningful learning, in: Current Directions in Psychological Science, Vol. 21, No. 3, pp. 157-163.

Bildnachweis: Von Sebas Ribas [Lizenz] via unsplash.com 

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